Der schmale Grat zwischen Zuversicht und Euphorie

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Von Pascal Blanqué, Group CIO Amundi und Vincent Mortier, Deputy Group CIO Amundi

„Der April begann für die Finanzmärkte positiv, nach einem außergewöhnlichen ersten Quartal, mit unterschiedlichen Entwicklungen bei Aktien und globalen Anleihen. In Zukunft wird das Fortschreiten der wirtschaftlichen Erholung wahrscheinlich der wichtigste Markttreiber sein, was zu größeren Divergenzen führen dürfte. Im vergangenen Jahr profitierte China von dem Motto "first in, first out". Das Land befindet sich nun wieder eindeutig auf einem Wachstumspfad und wird mittelfristig weiterhin der globale Wachstumsmotor sein. In den kommenden Quartalen wird der Fokus darauf liegen, Blasenbildung zu vermeiden. Es geht darum, ein stabiles Kreditwachstum zu schaffen, das auf bestimmte Sektoren, wie innovative Technologien und das verarbeitende Gewerbe, ausgerichtet ist, um die wirtschaftliche Erholung weiter zu unterstützen und eine Überhitzung zu vermeiden. Während die Märkte die nächste Phase in Chinas Wachstumsstrategie verarbeiten, wurde der Staffelstab des Aufschwungs an die USA weitergereicht, wo das BIP-Wachstum auf ein Niveau steigen dürfte, das seit den 1980er Jahren nicht mehr erreicht wurde. Das außergewöhnliche Wachstum der USA könnte jedoch eine zusätzliche Ursache für Divergenzen sein. Steigende Staatsanleihen-Renditen und ein stärkerer Dollar könnten die potenziellen Wachstumsaussichten der schwächsten Schwellenländer belasten, so dass sie gegebenenfalls, im Gefolge der Krise (weiter) zurückzubleiben. Auch einige länderspezifische Problembereiche können wieder auftauchen (Türkei, Argentinien und, in geringerem Maße, Russland aufgrund von Sanktionen sowie Brasilien).

Mit China im "Kontrollmodus" und den in Hinblick auf die Markterwartungen bereits weit fortgeschrittenen USA ist Europa die nächste Region, die von einer Ausweitung der positiven Marktstimmung profitieren könnte. Aus makroökonomischer Sicht wäre es möglich, dass Europa hinter den beiden globalen Wachstumsmotoren zurückbleibt und es könnte Jahre dauern, bis das Vorkrisenniveau des BIP wieder erreicht ist. Aus der Marktperspektive sollten europäische Aktien vom starken globalen Wachstum profitieren. Darüber hinaus könnten die Wiederbeschleunigung der Impfkampagne und positive Gewinnprognosen nun einen weiteren Aufwärtstrend auslösen.

Bei den Anlagethemen vertreten wir vor allem die folgenden Überzeugungen:

1.   Bei der Asset Allokation insgesamt risikofreudig zu bleiben. Das Risiko jedoch nicht weiter zu erhöhen, sondern auf eine gewisse Rotation zu setzen, um auf den neuen Erholungswellen zu navigieren. Risky Assets werden in einer zyklischen Erholung und aufgrund der immer noch unterstützenden Zentralbanken in den entwickelten Märkten weiterhin bevorzugt. Dies ist günstig für Aktien, wobei der Schwerpunkt auf den zyklischsten Werten und auf Regionen wie zum Beispiel Europa liegt, in denen die Wiederbelebung der Volkswirtschaften eine weitere Beschleunigung bewirken könnte, die noch nicht eingepreist ist. Die US-Märkte können sich immer noch gut entwickeln, aber hier ist es von größter Bedeutung, Hyperwachstumsbereiche zu meiden und nicht den Fehler zu begehen, auf einer sich aufbauenden übertriebenen Euphorie mitzureiten. Die mögliche Erhöhung der Unternehmenssteuern könnte die Rentabilität einiger Sektoren und Unternehmen beeinträchtigen, und diese Situation sollte sorgfältig geprüft werden.

2.   Bei Anleihen ist der relative Wert entscheidend. Vorsicht bei der Duration und eine Übergewichtung von Unternehmensanleihen halten wir für wichtig. Die größte Bewegung im 1. Quartal war der Sell-off bei US-Anleihen. In den kommenden Wochen könnte das Umfeld weniger herausfordernd werden, da ein Teil der Renditeanpassung bereits stattgefunden hat. Dennoch legt ein sich verbesserndes wirtschaftliches Umfeld weiterhin Vorsicht bei der Duration und eine positive Haltung gegenüber Unternehmensanleihen nahe – insbesondere gegenüber Hochzinsanleihen, die in einem Umfeld sich verbessernder Fundamentaldaten weiterhin bevorzugt werden könnten. Unterschiedliche Wachstums- und Inflationserwartungen für die USA und Europa führen zu unterschiedlichen Geschwindigkeiten bei den Zinsanpassungen und eröffnen aktiven Anlegern „Relative Value“-Chancen. Auf der Suche nach höheren Renditen sind Schwellenländeranleihen weiterhin ein interessanter Bereich, wobei die richtige Auswahl immer wichtiger wird, da sich die Divergenzen verstärken.

3.   Bei Aktien setzen wir weiterhin auf die Rotation in Richtung Value und zyklischen Werten. Zudem wird sich die Allokation hin zu Aktien weiter fortsetzen. Die Berichtssaison der Ergebnisse im Sommer wird ein weiterer Prüfstein für die wirtschaftliche Erholung sein, aber bis dahin könnten die Einführung von Impfstoffen und das Wiederöffnen der Wirtschaft die Haupttreiber für einen weiteren Aufwärtsschub in dieser Hausse sein. Im Hinblick auf Emerging Markets-Aktien bleibt Asien der wichtigste Bereich, um auf Werte zu setzen, die besonders am Aufschwung partizipieren.

Alles in allem bleibt das Investmentumfeld günstig, aber der allgemeine Konsens über eine wirtschaftliche Erholung könnte sich selbst als Risiko erweisen. Die Zuversicht ist hoch, die Euphorie beschränkt sich auf bestimmte Bereiche (Kryptowährungen, IPOs, Special Purpose Acquisition Companies), und dies könnte aufgrund der reichlichen Liquidität im System noch eine Weile anhalten. Wir sehen keinen kurzfristigen Katalysator für einen Richtungswechsel. Dieser könnte in einer Verschlechterung bei der Entwicklung der Pandemie bestehen, was jedoch sehr unwahrscheinlich erscheint, da die Impfkampagnen weltweit an Fahrt gewinnen. Der zweite Katalysator könnte eine mögliche Überraschung bei der Inflation sein, bei der die Zentralbanken nicht mit der Entwicklung Schritt halten. Die Anleger sollten dies ernst nehmen, sobald die Stimmung abflaut und der Großteil der Beschleunigung hinter uns liegt.“

Quelleninformationen und weitere Informationen finden im Amundi Research Center.

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